Rufen Sie uns an! (0 39 43) 90 58 11
logo

Entwicklungsbrief Kinder

  • Als ich in die Weiße-Villa kam, war ich laut, chaotisch und undizipliniert. In meinen Augen war ich selbstlos, für mich war es wichtig, dass es meinen Freunden in erster Linie gut geht. Die daraus folgenden Konsequenzen waren mir egal.

    Entwicklung bedeutet für mich, sich in die richtige Richtung zu bewegen und manchmal auch über seinen eigenen Schatten zu springen. Das heißt für mich, mich selbst zu akzeptieren, meine Bedürfnisse überhaupt wahr zu nehmen und meine und die Grenzen anderer zu wahren.

    Die Jugendlichen erwartet ein sehr warmherziges, familiäres Verhältnis. Es ist immer jemand da, der für einen da ist, einem zuhört und einem sinnvolle Ratschläge gibt. Allein ist man nicht!

    Besonders gut getan hat mir die Herzlichkeit im Umgang miteinander. Ich habe Grenzen gesetzt bekommen, die ich mir selber nicht setzen konnte. Es fiel mir lange Zeit schwer, diese einzuhalten. Ein kleiner „Arschtritt“ zwischen durch und eine führende Hand haben mir dabei doch sehr geholfen, wieder in Gang zu kommen und meine Ziele weiter zu verfolgen, egal wie steinig der Weg auch sei.

    Schwer gefallen ist es mir, mich zu öffnen und mich auf die Therapie einzulassen, meine Grenzen und die der anderen zu wahren und auch mal auf mich zu achten und zu schauen was für mich gut ist.

    Das Verhältnis zu meiner Mama hat sich mit der Zeit sehr gut entwickelt. Wir streiten uns viel viel weniger, weil wir gelernt haben miteinander vernünftig umzugehen. Gibt es dann doch mal Unstimmigkeiten, reden wir darüber und versuchen Kompromisse einzugehen, mit denen wir beide zufrieden sind.

    Die Weiße-Villa ist wie eine große Familie, mit viel Herz und Gefühl. Man kann sich nur schwer verstecken, da die Jugendlichen in einem engen Kontakt zu den Mitarbeitern stehen und diese einen immer im Auge haben, auch wenn man nicht 24 Stunden auf der Bildfläche erscheint.

    Die Einrichtung hat mir sehr geholfen, mich auf meinen weiteren Lebensweg vorzubereiten.

  • Ich wuchs zusammen mit meiner älteren Schwester und meinen Eltern in Bochum auf. Meine Probleme begannen, 2008, während ich die 8. Klasse besuchte. Ich ging aufs Gymnasium und hatte sehr hohe Ansprüche an mich selbst und glaubte auch andere hätten diese. Ich hatte vorher nie viel für die Schule tun müssen um meine Ansprüche zu erfüllen. Mit der 8. Klasse wurden meine Noten aber zunehmend schlechter und ich war nicht bereit mehr für die Schule zu tun als vorher. Ich wurde immer gereizter und unzufriedener mit mir, was ich hauptsächlich an meiner Familie ausließ. Zuerst selten, nach einiger Zeit dann regelmäßig begann ich nicht in die Schule zu gehen. Die Angst zu versagen und den Ansprüchen anderer nicht mehr zu genügen lähmte mich und wirkte sich körperlich, in Form von Magenschmerzen und Übelkeit, aus. Ich verlor zunehmend die Kontrolle über mich, brach alle Freundschaften ab und flüchtete mich in Krankheit. Auch meine Familie ließ ich nicht mehr an mich heran und ich sah die Ratlosigkeit meiner Eltern und wie sie die Situation belastete.

    Ich besuchte mittlerweile einen Psychologen doch dies blieb aufgrund meiner Sturheit und meinem Wiederwillen mich ehrlich zu zeigen erfolglos. Schließlich musste ich für ein paar Monate in eine psychiatrische Einrichtung nach Baden Württemberg. Ich passte mich dort so gut wie möglich der Situation an und sagte meiner Psychologin alles was sie hören wollte und möglichst schnell nach Hause zurückzukommen und so veränderte sich nach meiner Rückkehr auch nichts. Ich belog meine Eltern, dass ich in die Schule gehen würde. Nachdem dies auffiel besuchte ich wieder einen Psychologen und wechselte die Schule. Ich besuchte nun eine Realschule doch auch dort ging ich bald nicht mehr hin, da meine Angst geblieben und sich an meiner Einstellung nichts geändert hatte. Ich bekam für ein paar Wochen Privatunterricht und mit Hilfe des Jugendamtes kam ich in ein katholisches Internat für verhaltensauffällige Jugendliche in Bayern. Ich entschied für mich, dass ich dort weder bleiben müsse noch könne und so weigerte ich mich nach dem ersten Heimfahrtswochenende wieder zurück zu fahren. Kurz darauf kam ich in ein weiteres Internat wo ich allerdings nach einem Tag abhaute. Ich versteckte mich weiterhin lieber in Krankheit und Selbstmittleid als mich der Realität zu stellen. Daraufhin kam ich für mehrere Monate in die Kinder- und Judendpsychiatrie nach Magdeburg. Ich hatte mittlerweile kein wirkliches Gefühl mehr zu irgendetwas, beziehungsweise war ich nicht mehr in der Lage meine Gefühle wirklich wahrzunahmen da ich überhaupt nicht mehr bei mir selbst war sondern mich versteckte und eine neue, für mich angenehmere Identität, geschafft habe. So habe ich auch kaum noch Erinnerungen an diese Zeit.

    Im Dezember 2010 sah ich mir dann zusammen mit meinen Eltern die Weiße Villa an in welche ich dann im Januar 2011 einzog. Meine Eltern gaben mir zu verstehen, dass dies meine letzte Chance sei und dass eine Rückkehr nach Hause nicht mehr möglich sei. Ich ging vom ersten Tag an zur Schule und nahm an den Gruppen und abendlichen Reflexionen teil. Mit Hilfe der klar vorgegebenen Strukturen, Regeln und Therapie arbeitete ich an meinen Problemen. Ich lernte mit Hilfe der Betreuer, der anderen Jugendlichen und des Enneagramms mich selbst besser zu verstehen, und meine Automatismen kennen. Ich musste erkennen, dass ich nur wirklich die Harmonie, nach welcher ich suchte, durch harte Arbeit an mir selbst und der Auseinandersetzung mit auch schwierigen Themen, bekommen kann. Dabei war vor allem auch der Austausch mit den anderen Jugendlichen sehr wichtig für mich und zu erkennen das ich mit meinen Themen nicht alleine bin. Ich lernte mich zu positionieren, meine Meinung zu vertreten und mich selbst dabei nicht zu vergessen. Ich hatte seit langem das erste Mal wieder schulischen Erfolg und soziale Kontakte. Ich baute mir einen Freundeskreis auf und auch das Verhältnis zu meinen Eltern verbesserte sich. Ich hatte seit langem wieder wirklich Freude an dem was ich tat und konnte dabei ganz bei mir sein und musste mich nicht mehr verstecken. Ich musste lernen was es bedeutet auch für andere Verantwortung zu übernehmen ohne sich selbst dabei zu vergessen. Zu meinem Vater blieb es weiterhin angespannt, es herrschte viel Unverständnis und noch kein richtiges Vertrauen meinerseits. Im Juni 2012 zog ich dann in die Büchtingenstrasse um. Dies war der erste Schritt in Richtung Verselbstständigung, in welcher ich lernte mich und meinen Tag zu strukturieren und meine Aufgaben zu erledigen. Ich besuchte nun die 10. Klasse und zog kurz vor den Prüfungen, im Mai 2013 in die Ringstraße um. Durch meinen Schulischen Erfolg erhielt ich neues Selbstvertrauen und hatte nun das geschafft wovon ich glaubte es niemals erreichen zu können. Doch während der vielen freien Zeit, welche ich zwischen den Prüfungen hatte, verlor ich meine Tagesstruktur und ich schaffte es nicht mir eine neue aufzubauen und meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich hatte das Gefühl meine Tage zu verschwenden und nichts Sinnvolles machen zu können, doch statt die freie Zeit zu nutzen und mich zu strukturieren ging ich dieser Angst aus dem Weg und stellte mich ihr nicht. Um meine Angst nicht spüren zu müssen und meine Harmonie doch zu erreichen trank ich immer mehr Alkohol. Ich konnte damit erst wieder aufhören nachdem mir bewusst wurde was ich eigentlich tun musste. Ich musste mir eine neue Tagesstruktur schaffen, mich der Angst stellen und mich bewusst nicht für den einfachen Weg der Betäubung entscheiden sondern mich zusammenreißen, mir Hilfe holen und die Aufgaben, welche ich hatte erledigen.

    Nach dem Sommer begann meine 11. Klasse auf der Fachoberschule im Bereich Wirtschaft. Während meinem Aufenthalt in der Weißen Villa gab es immer wieder Phasen in denen ich es nicht schaffte meine Bedürfnisse zu kommunizieren, mir meinen Freiraum zu nehmen oder meine Aufgaben nicht aufzuschieben. Ich vergaß mich dann selbst komplett und betäubte mich um mich nicht meiner Angst stellen zu müssen. Ich lernte aber damit umzugehen, mir Hilfe zu holen und es immer frühzeitiger zu erkennen und selbstständiger etwas dagegen zu tun. Erst als ich dies schaffte war ich auch in der Lage wirklich auf andere zu sehen und nicht nur Verantwortung für mich und für Andere zu übernehmen. Ich habe gelernt meine Stärken und Schwächen und somit mich selbst vernünftig einzuschätzen und meine Ziele und Erwartungen dementsprechend zu setzen. Somit lernte ich auch mich wahrhaftig zu zeigen, wirklich etwas von mir zu geben und mir echte Freundschaften aufzubauen. Auch die Beziehung zu meinem Vater wurde mit der Zeit besser. Ich konnte ihn durch viele Gespräche mit Fr. Spamer endlich besser verstehen und seine Art zu handeln akzeptieren. Dadurch war ich auch in der Lage wieder Vertrauen zu ihm aufzubauen und heute haben wir eine gute Vertrauensvolle Beziehung zueinander wie ich sie anders mir nicht wünschen könnte. Ich habe gelernt die wirkliche Harmonie mit mir selber und daraus resultierend auch zu anderen nur durch wirkliche Arbeit an mir selbst zu bekommen und nicht mit Betäubung und der Flucht vor schwierigen Aufgaben. Anfang der 12. Klasse begann ich mir viele Gedanken, über die Zukunft und was ich nach diesem Jahr machen möchte, zu machen. Ich bekam allmählich Panik und Angst vor dem was kommen würde. Ich hatte das Gefühl nicht alles geschafft zu haben und dass nicht mehr genug Zeit dafür wäre. Ich holte mir schließlich Hilfe um mir einen Plan zu schaffen nach dem ich vorgehen konnte und auf welchen ich zuarbeiten konnte. Ich erarbeitete zusammen mit Fr. Rauhut die Dinge an welchen ich noch in diesem Jahr arbeiteten wollte und was ich schon alles geschafft hatte.

    Schließlich beschloss ich mit dem Studium noch ein Jahr zu warten und ein FSJ in der Weißen Villa zu machen. Vor meinen Prüfungen musste ich zum ersten Mal wirklich lernen und etwas für die Schule machen um meine klar gesetzten Ziele zu erreichen. Dies fiel mir zuerst sehr schwer aber ich wusste wofür ich es tat. Ich arbeite weiterhin an Themen wie: Positionierung, Selbstbewusstsein und aktiv bleiben, kann mir wenn nötig Hilfe holen und habe ein sicheren und wahrhaftigen Freundeskreis aufgebaut.
  • Ende Oktober 2012 bin ich in der Weißen-Villa-Harz angekommen. Ich kam direkt aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Uchtspringe. Dort haben Hr. und Fr. Spamer mich besucht und ich habe einen Vortrag gehalten, der kam aber mehr von den Mitarbeitern dort als von mir. Damals konnte ich nicht mehr nach Hause zurück, weil ich zuhause nur schlechte Noten ge-schrieben habe und zuletzt nur noch Zuhause geblieben bin. Das war meine scheinbare Frei-heit. Ich habe fast nur gezockt und mich manchmal selbst verletzt und wollte eigentlich nicht älter als 16 Jahre, später 17 und zuletzt war meine Grenze, 18 Jahre alt zu werden.

    An einem Freitag wurde ich entlassen und am folgenden Sonntag wurde ich in der Grünen-Villa aufgenommen. Am Montag bin ich zum ersten Mal in die Schule gegangen, in die 9. Klasse Hauptschule. Als ich am Sonntag kam, war nur David da, alle anderen Jugendlichen kamen erst später. Ich bin sofort in mein Bett gegangen, weil ich die anderen nicht sehen wollte, und habe so getan, als ob ich schlafe. In meiner Erinnerung habe ich alles um mich herum erst spät wahr-genommen.
    In der Schule war ich morgens immer müde, wegen der Medikamente, die ich damals genom-men habe. Ich hatte oft „Gedankenspiralen“ und habe mit dem Kopf auf der Bank gelegen. Ca. 2-3 Monate hat trotzdem alles recht gut geklappt. Dann bin ich immer öfter aus der Schule ab-gehauen (meine „Gedankenspiralen“ waren: weil ich so müde bin, kann ich eh in der Schule nichts machen, dann kann ich auch abhauen, weil es eh keinen Sinn hat).
    Ich bin dann von der Hauptschule ins Produktive Lernen gewechselt, was noch viel schlimmer für mich war als die Hauptschule, vor allem aufgrund der Leute dort. am Ende des Schuljahres bin ich dann wieder zur Probe für 2 Wochen in die 9. Klasse Realschule gewechselt, um realisti-sche Anforderungen zu haben, und bin dann ab dem folgenden Schuljahr in die 10. Klasse ge-gangen. Ich war am Ende der 10. Klasse dann überrascht, dass ich überhaupt einen Schulab-schluss bekommen habe! Ich war nicht mehr so müde in der Schule, weil meine Medikamente reduziert wurden und ich wollte auf keinem Fall wieder ins Produktive Lernen.

    In der Grünen-Villa war es anstrengend für mich, da ich viele Ängste vor Menschen hatte und auch „Gedankenspiralen“. Ich bin oft bei Kleinigkeiten ausgerastet, z. B. wenn jemand Neues in die Gruppe kam. Ich habe schon in der Grünen-Villa mit dem Klettern begonnen und war mit der Klettergruppe zusammen zum ersten Mal im Urlaub im Ausland. Das war sehr gut, da es in der Gruppe war. Außerdem bin ich bei jeder Ferienfreizeit mitgefahren, weil es nicht gut für mich war, so lange Zeit in den Ferien zuhause zu sein. Nach 1-2 Wochen war es für mich immer so, als hätte es die Villa nie gegeben.
    Von der Grünen-Villa bin ich dann in die Gelbe-Villa, die Bü 12 und zuletzt in die Ringstr. umgezogen. Die Zeit in der Gelben-Villa und in der Bü 12 war wie ein schwarzes Loch für mich und ich kann mich kaum daran erinnern.

    In der Zeit in der Bü 12 habe ich mit Andreas, Ludwig und Johannes zusammen gewohnt, da-nach kam Carsten. Johannes und ich haben auf einer Etage gewohnt, uns aber nie gesehen. Als Mike später einzog, sind wir Freunde geworden, wir kannten uns schon aus der Grünen-Villa. In der Büchtingenstraße war es oft noch schwierig für mich, wenn ich z. B. vor der Gruppe über mich reden musste. Dann war ich wie gelähmt und habe nichts mehr sagen können. Das Ge-fühl, die Angst, blieb bestehen, wenn ich mich nicht bewegt habe.
    Den Umzug in die Ringstraße musste ich dann machen. Ich war dort das erste Mal zum Abend-essen, bevor ich umgezogen bin, und war sehr aufgeregt. Ich wurde aber gut aufgenommen. Dann bin ich mit Michael in eine WG gezogen. Wir haben uns selten gesehen, aber das war für uns in Ordnung war. Mir war es aber oft langweilig in der Wohnung, deshalb war ich oft im Bü-ro.
    Jetzt komme ich mit allen in der Ringstraße gut aus. In der Ringstraße habe ich gemerkt, dass ich entspannter geworden bin, im Kontakt mit meinen Mitmenschen.

    Nach der 10. Klasse wollte ich noch weiter in Wernigerode bleiben, deshalb habe ich mich bei der OKS beworben. Mein Praktikum habe ich bei Allianz begonnen, dort hatte ich aber einen großen inneren Druck und Angst, alles nicht zu schaffen. Deshalb habe ich mein Praktikum in der Verwaltung der Weißen Villa weitergemacht. Ich bin trotzdem öfters im Bett liegengeblie-ben und nicht hingegangen. Das ist aber schrittweise immer besser geworden. Zur Schule zu gehen war weniger das Problem. Ich war mit David in einer Klasse und er war lange Zeit der einzige, mit dem ich geredet habe. Jetzt bin ich viel lockerer geworden. In der 12. Klasse war es leichter für mich, jeden Tag zur Schule zu gehen.

    Zuhause hat sich bei mir am wenigsten verändert. Wir haben sehr wenig miteinander gespro-chen. Ich wollte zuhause meine Ruhe haben, habe viel gezockt. Das Verhältnis zu meiner Mut-ter ist entspannter geworden. Ich habe meine Familie wieder schätzen gelernt und unternehme gern etwas mit ihnen.

    Was sich bei mir noch verändert hat, ist: ich habe mehr Selbstvertrauen bekommen und habe keine Angst mehr vor Menschen. Ich habe jetzt auch mehr Leichtigkeit im Umgang mit Men-schen. Außerdem habe ich zwei Schulabschlüsse geschafft, wobei ich nie gedacht hätte, dass ich überhaupt einen Abschluss schaffen kann. Jetzt ist für mich alles nicht mehr so un-machbar!
    Ich habe jetzt auch ein Handy, das ich benutze.

    Meine Zukunftsplanung habe ich zuerst weggeschoben. Dann habe ich mich aber entschieden, dass ich in Wernigerode studieren möchte. Ich bin in eine eigene kleine Wohnung gezogen und wohne zum ersten Mal allein. Ich bemühe mich, den Kontakt zur Villa weiter zu halten.

  • Vom Überleben zum Leben gekommen

    Im Juli 2013 wurde ich in der Weißen-Villa aufgenommen. Ich kam aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo ich meinen Realschulabschluss gemacht hatte.
    Im Kindesalter bin ich mit meiner Mutter oft umgezogen. Die Beziehung zu ihr war schon immer schwierig. In der 7. Klasse war meine Hochphase der Schulverweigerung. Ich hatte eine depressive Phase, war entweder im Bett oder vor dem PC. Außerdem spielte Mobbing eine Rolle (5. – 7. Klasse): ich wurde gemobbt und habe gemobbt. Ich kam in der 7. Klasse in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil mir alles egal geworden war und ich mich komplett isoliert hatte. Wie eine Erdnuss, wenn die trockene Hülle immer größer wird und die Erdnuss wächst nicht mehr weiter.

    In der 8. Klasse kam ich ins Internat in Ansbach. Ich habe die ganze Zeit gekifft und bin weiter zur Schule gegangen, hatte aber auch öfters keinen Bock. Mir ging es in dieser Zeit ganz gut und ich konnte meine kindliche Seite mehr herauslassen. Ich bin wieder mehr mit Menschen in Kontakt getreten. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie hatte ich zum ersten Mal gekifft und im Internat dann regelmäßig mit den anderen zusammen. Schulisch hatte ich fast Hauptschulniveau und habe dann später trotzdem meinen Realschulabschluss in der Psychiatrie geschafft.
    Besonders mit einer Lehrerin, meiner Religionslehrerin, habe ich viel diskutiert und sie provoziert. Einmal war sie davon so getroffen, dass sie den Unterricht nicht fortsetzen konnte. Während der Internatszeit habe ich mich viel treiben lassen und bin dann in die Weiße-Villa gekommen. Was mir beim Kennenlerngespräch gut gefallen hat, waren die Menschen hier, z. B. das Gespräch mit Hr. Spamer.

    In der ersten Woche in der Weißen-Villa bin ich zwischen die Fronten von Corinna und Maya gekommen. Mehrere Jungs waren sehr neugierig auf mich und fragten, ob ich der neue homosexuelle Jugendliche bin (Verwechslung). Außerdem habe ich in der ersten Zeit auf Selbstständigkeit gesetzt. Ich habe die 11. Klasse OKS (Wirtschaft) begonnen und bin jeden Tag zum Praktikum gelaufen. Mein erster Bezugspädagoge war Hr. Kurt-Spamer. Ich habe die erste Zeit in der Weißen-Villa gebraucht, um mich neu zu strukturieren und ohne Kiffen zu leben. Direkt nach den Sommerferien habe ich mit dem Kiffen aufgehört. Ich bin konsequent gewesen.

    Dann bin ich aber relativ schnell in die Büchtingenstraße umgezogen, nach ca. 3 Monaten und habe dort für ca. 1,5 Jahre gelebt. Ich habe von Anfang an alles so in die Bahnen gelenkt, wie es für mich gepasst hat. Ich kann gut in der Masse verschwinden und habe mich viel versteckt, bis ich in die Büchtingenstraße umgezogen bin. In der kleineren Gruppe ging das nicht mehr so gut. Dort ist vermehrt mein nonkonformer Humor aufgefallen, der von anderen schwer zu verstehen war und den die Leute oft persönlich genommen haben. In der folgenden Zeit habe ich daran gearbeitet, meinen Humor verständlicher und harmloser zu gestalten, über die Rückmeldungen der anderen Jugendlichen und Mitarbeiter.

    Die Schule und das Praktikum habe ich gut durchgezogen. Mein Praktikum in der Bibliothek der Hochschule Harz hat mir gut gefallen und ich hatte viel Kontakt zu den Studenten. Dort habe ich auch meine damalige Freundin kennengelernt. Wir sind fast 2 Jahre zusammen gewesen. Damit habe ich meinem Leben eine emotionale Komponente hinzugefügt. Meine damalige Freundin hat mir dabei geholfen, einen besseren Zugang zu meinen Gefühlen zu finden.
    Die 11. Klasse der OKS war im Verwaltungsbereich sehr mathelastig und das hat mich nicht so interessiert. Ich konnte meine eigenen Anforderungen an meine schulischen Leistungen nicht erfüllen und da ich schon vorher lieber den Bereich Gesundheit und Soziales gewählt hätte, habe ich mich dazu entschieden, dieses Jahr zu wiederholen. Ich hatte 3 Praktika zu absolvieren, in der Harz-Apotheke, im Krankenhaus und in der Ergotherapie, was mir sehr viel Spaß gemacht hat, aufgrund der lustigen Kollegen. Auch die Arbeit mit den Kindern hat mir Freude gemacht. Während des Praktikums in der Ergotherapie konnte ich länger schlafen, was mir sehr entgegenkam, da ich fast während der gesamten Zeit große Schwierigkeiten hatte, einzuschlafen.
    Während der Zeit in der Büchtingenstraße hatte ich viele lustige Situationen mit den Betreuern. Die Gruppe fand ich gut und ich habe mich dort wohlgefühlt. Meine Freiheiten waren mir sehr wichtig, z. B., dass ich mich nachts oft in den Garten begeben habe, um noch eine Zigarette zu rauchen, wenn ich nicht schlafen konnte.
    Ich habe mir im letzten Sommer schon das Ziel gesetzt, umzuziehen, was nicht zustande kam. Die Sommerferien waren aus meiner Sicht so schön wie noch nie, da ich spontan viele Ausflüge gemacht habe. Das hat mir ein Gefühl von Freiheit gegeben und ich hatte viele unterschiedliche Begegnungen. Nach den Sommerferien hatte ich große Schwierigkeiten, mich in die Strukturen zurückzufinden und mit den strukturellen Veränderungen klarzukommen. Besonders schwierig war es für mich, dass ich in dieser Zeit wieder mein Handy nachts abgeben musste und dadurch meine neu aufgebauten emotionalen Beziehungen aus meiner Sicht nicht ausreichend pflegen konnte. Ich war während dieser Zeit sehr verletzlich, da ich meine Gefühle zum ersten Mal wieder aufnehmen und aufbauen konnte. Ich hatte auch viele Ängste, dass ich z. B. für meine damalige Freundin nicht da sein konnte, falls sie nachts meine Hilfe gebraucht hätte.

    Ich habe viel zu meinem Muster 5 erarbeitet. Zu Beginn meiner Zeit in der Einrichtung war ich unsicher, zu welchem Muster ich gehöre. Muster 7 war zuerst die Vermutung, dann habe ich mich beim Muster 9 mehr gefunden und bin nun letztendlich beim Muster 5 angelangt. Ich finde, dass ich nicht die offensichtlichen Merkmale vom Muster 5 habe. Anfangs existierte Angst für mich nicht, da ich sie nicht spüren konnte. Im Verlaufe meiner persönlichen Entwicklung spürte ich meinen emotionalen Druck und Stress, was sich in Teilen später als Angst herausstellte. Letztendlich ist es mir nun möglich geworden, meine Angst wahrzunehmen, mich damit auseinanderzusetzen und sie für mich zu nutzen.

    In der 12. Klasse hat es dann angefangen, dass ich oft montags (nach Heimfahrt) nicht zur Schule gehen konnte, weil ich jetzt kein Praktikum mehr hatte, sondern 5 Tage Schule und mich an den Heimfahrtwochenenden häufig verausgabt habe. Ich habe mich viel mit Leuten getroffen, getrunken und war die ganze Zeit unterwegs, teils zur Flucht vor dem Alltag und teils auf der Suche nach Neuem und Altem Ich habe oft wenig geschlafen.

    Ende November 2015 bin ich von der Büchtingenstraße in die Ringstraße umgezogen. Ich wäre gern in der Büchtingenstraße geblieben, habe es aber als neue Chance gesehen, die ich auch wahrnehmen wollte. Anfangs war ich vermehrt im Büro, um mich ins neue Leben einzuleben. Nach und nach habe ich Menschen gefunden, mit denen ich tiefgründige Begegnungen hatte, die mir gut taten. Ich konnte mich in den Gruppensequenzen immer mehr zeigen und habe weniger Informationen vorenthalten. Ich habe schöne Beziehungen aufgebaut, die ich auch weiter pflegen werde, nach meiner Zeit in der Weißen Villa.
    Mit meinen schulischen Leistungen war ich insgesamt zufrieden, aber ich hätte mehr lernen können, um einen besseren Durchschnitt zu bekommen. Die Abschlussprüfungen habe ich gut gemeistert, auch die Präsentation meiner Facharbeit.

    Ich habe aus dieser Zeit viele Erfahrungen aus Begegnungen mitgenommen und fühle mich in der Lage, mein Leben selbst zu gestalten und bin optimistisch. Meine Ziele sind fürs erste: Freundeskreis aufbauen, Jobsuche und Wohnungssuche sowie nicht abzurutschen. Außerdem möchte ich mir Strukturen erarbeiten und einen für mich förderlichen Alltag schaffen. Mein berufliches Ziel ist es, später in der Drogenberatung zu arbeiten.